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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

Fortsetzung und Ende

Ein langes Gespräch wurde das, ein sehr langes. Ihr werdet inzwischen begriffen haben, dass Annina kein Menschenkobold war, sondern ein wirklicher Mensch, genauso wie ihr. Die Koboldmutter versuchte nun, ihr die Wahrheit möglichst schonend beizubringen, von daher war sie völlig verblüfft, als das Mädchen antwortete : "Dass Arti kein Mensch ist, habe ich spätestens begriffen, als ich seinen Schwanz entdeckte, und die zusammengerollten Riesenohren sind auch nicht sehr menschenähnlich. Aber sei’s drum, ich liebe ihn und möchte ihn heiraten. Meine Eltern würden das nie erlauben, eben deswegen müssen wir warten, bis ich achtzehn geworden und damit volljährig bin.

Die Koboldmutter dachte nach. "Einem solchen Versteckspiel hält selbst die stärkste Liebe nicht stand", gab sie zu bedenken. "Um nur ein kleines Beispiel zu geben : Was für Ausreden willst du jedes Mal erfinden, wenn euch Freunde ins Schwimmbad einladen ?"

Annina erschrak. "So weit habe ich noch gar nicht gedacht", gab sie zu. Du hast recht, Koboldmutter, wir würden uns immer beobachtet und verfolgt fühlen. Aber gibt es denn dann überhaupt noch einen Weg für uns ?"

"Ich weiß es nicht", seufzte die Koboldmutter. " Was ich weiß ist, dass Arti durch harte Arbeit an sich selber zu einem Menschenkobold werden könnte. Damit wäret ihr schon ein gutes Stück weiter, aber wenn du dazu bereit bist, so wollen wir die Oberste Koboldfee aufsuchen und sie um ihren Rat bitten."

"Ja natürlich", sagte Annina "können wir gleich los ?" "Nein, erst um Mitternacht. Kannst du das einrichten?" Annina lächelte. "Mein Opa ist ein patenter Mann", sagte sie, "aber eine solche Geschichte schluckt selbst er nicht. Dafür schläft er aber sehr fest und für alle Fälle schreibe ich ihm noch einen Zettel."

Also trafen sie sich um Mitternacht wieder, d.h. Arti holte natürlich seine Freundin ab. Die Mutter hatte inzwischen alles Nötige vorbereitet, aus achtzehn ausgesuchten Kräutern einen Tee zubereitet, von dem sie alle eine kleine Tasse voll tranken, und ein Feuer angezündet, das laut aufzischte, als der Rest hineingegossen wurde. Darauf stellten sich die drei Ratsuchenden um das Feuer, fassten sich bei den Händen und die Koboldmutter sprach : "Große Mutter, Uranima,

Königin der Koboldfeen !

"Große Mutter, Uranima,

Königin der Koboldfeen !

"Große Mutter, Uranima,

Königin der Koboldfeen !

Jetzt können wir nur noch abwarten", sagte sie zu Arti und Annina, "ob sie uns das Zeichen gibt." Und erst als das Feuer zum zweiten Mal aufzischte, sprach sie weiter :

"Wir flehen um deinen Rat,

Mögest uns Hilfe gewähren,

Zu weiterführender Tat

Die nötigen Schritte uns lehren.

Wir rufen dich an, vereint zu drein,

Königin, ach lass uns ein."

Kaum war der Vers verklungen, da hüllte eine Nebelwolke die kleine Gesellschaft ein und einen kurzen Moment später befand sich die Koboldmutter zusammen mit Arti und Annina in einem schwebenden Raum, der sich in jedem Augenblick verwandelte : zuerst waren sie in einem Wald, dann auf der Wiese, in einer Hütte, einer Kirche, einem Schloss, zuletzt gar auf dem Meeresgrund. Von dem raschen Wechsel wurde Annina ganz schwindelig, sie musste sich setzen, und die Königin winkte sofort einer Dienerin, die ihr ein weiches Kissen und ein Glas frisches Quellwasser brachte.

"Ich weiß natürlich, was euch fehlt", sprach nun die Königin zu ihnen. "Und es gibt einen Weg für euch, aber der fordert von dir" - dabei blickte sie Arti an - "das Äußerste. Drei Jahre lang musst du Fledowix dienen, dem Höllenhund, musst Tag und Nacht zu seiner Verfügung stehen, die schändlichsten und niedrigsten Dienste verrichten, wirst dabei noch geschlagen, gedemütigt, geschunden und gequält. Bist du aber bereit, all diese Qualen auf dich zu nehmen, so wirst du einen guten Lehrer in ihm finden und nach dieser harten Schule dein Koboldsein ablegen können, um ein ganzer Mensch zu werden."

"Kann ich ihm denn gar nicht helfen ?" fragte und bat Annina.

Die Königin lächelte. "Ohne dich könnte Arti diese Aufgabe niemals durchhalten", sagte sie, "denn deine Liebe ist sein einziger Kraftquell." "Dann brauchst du keine Angst zu haben, Arti", sagte Annina und schmiegte sich an ihren Freund. "Diese Quelle wird immer für dich sprudeln. Aber eines möchte ich noch wissen :" - damit wandte sie sich wieder an die Königin - "Du sagtest, mindestens drei Jahre müsse Arti in der Koboldhölle bleiben. Also gibt es etwas, das diese Zeit noch verlängern kann ?" "Deine Untreue", erhielt sie zur Antwort, "und euer beider Zweifel. Jede Sekunde, in der ihr eurer Liebe nicht mehr sicher seid, heißt für Arti eine Woche mehr Qual. Auch eine Woche mehr Lernen, gut, aber ich denke, auf einen hochgelehrten Wissenschaftler, einen zweiten Einstein, legst du gar keinen Wert. Eine Minute Zweifel verlängert Artis Aufenthalt um mehr als ein Jahr, da könnt ihr euch ausrechnen, wann sich ein Weitermachen nicht mehr lohnt." Sie schaute unser Liebespaar lange an, dann fügte sie hinzu : "Ihr wäret das erste Kobold-Menschen-Paar, das diese Aufgabe zu einem guten Ende führt. Haltet ihr aber nicht durch, dann wird Arti als Flusskobold enden."

Selbst solcherart böse Aussichten vermochten Arti und Annina nicht abzuschrecken.

"Ihr seid also fest entschlossen", sagte die Königin. :"Gut, dann lasst uns den Bund schließen. Stellt euch bitte gegenüber und sprecht laut und vernehmlich zueinander ein "Ja".

Richtig feierlich wurde den beiden zu Mute, als sie ihr Gelöbnis vollzogen. "Das ist ja wie auf einer Hochzeit !" flüsterte Annina. "Ja", bestätigte die Große Mutter. "Vor mir seid ihr auch jetzt verheiratet." Sie öffnete ein kleines Kästchen und reichte unseren Brautleuten je einen glitzernd goldenen, mit winzigen Edelsteinen besetzten Ring. "Diese Ringe sind euch ein Zeichen für gegenseitige Treue", erklärte sie. "Sie werden immer genauso fest sitzen, wie eure Liebe zueinander stark ist. Sollten sie sich lockern oder euch gar von den Fingern gleiten......." "Das wird nicht passieren !" unterbrach sie Annina. Sie und Arti steckten nun die Ringe an ihre Finger und sie saßen sprichwörtlich wie angegossen, nein mehr noch, wie angewachsen, denn sie waren nicht mehr von den Fingern zu lösen, und so sollte es ja auch sein. Als Annina in die Innenfläche ihrer Hand schaute, rief sie entzückt : "Das bist ja du !", und tatsächlich zeichnete sich, winzig klein, aber sehr deutlich, in Anninas Ring das Gesicht von Arti und in Artis Ring das Gesicht von Annina ab.

"Wie schön !" freute sich Arti. "So trage ich dich immer bei mir, Annina, und du mich."

"Ja", sagte die Königin, "und dieses Bild seht nur ihr und sonst niemand." Dann wandte sie sich Annina zu. "So bleiben dir unangenehme Fragen erspart, mein Mädchen."

Annina atmete erleichtert auf. "Das ist gut", sagte sie." Ich möchte Arti nämlich als mein Geheimnis bewahren."

Die Königin der Koboldfeen nickte. "Nun gebt euch rasch den Hochzeitskuss", sagte sie, "denn es bleibt euch nur noch wenig Zeit."

Damit hatte sie recht : Die Liebenden standen noch eng umschlungen, da wurde Arti schon von einer Nebelwolke eingehüllt und in die Tiefe gezogen. Und in dem selben Augenblick fanden sich die beiden Frauen auf der Erde wieder, die Koboldmutter in der heimatlichen Höhle unter Mann und Kindern, Annina aber in der freien Natur, ein Stück Weges entfernt vom Hause ihres Großvaters. So blieb ihr noch ein wenig Zeit sich zu besinnen, bevor sie wieder eintrat in die Menschenwelt.

Die folgenden Jahre hätte sie am liebsten träumend verbracht, aber das ging natürlich nicht, sie musste sich einlassen auf das so genannte ‘normale’ Leben. Und das tat sie auch, lernte fleißig für die Schule, traf sich mit Freunden, ging zu Geburtstagsfeiern und anderen Festen - ein Teil von ihr jedoch blieb immer bei Arti, der für sie litt und lernte. Die Eltern begannen sich Sorgen zu machen, weil ihre Tochter - sie war ja inzwischen schon siebzehn geworden - so gar kein Interesse zeigte für die jungen Männer in ihrem Alter. Wenn die Mutter sie darauf ansprach, so lachte Annina nur : "Ich will erst mal das Abitur machen." Und mit dieser Erklärung gaben sich die Eltern gerne zufrieden. Den wahren Grund dafür, dass Annina dieses Ereignis herbeisehnte, kannten sie allerdings nicht. Zwei Monate darauf würden nämlich die drei Jahre herum sein, endlich herum sein, und Annina fiel es schon jetzt mehr als schwer noch an anderes zu denken.

Ein Vierteljahr vorher aber gab es ein weiteres großes Ereignis : Annina wurde achtzehn Jahre alt. Aus diesem Anlass richteten die Eltern ein großes Geburtstagsfest aus, zu dem sie selber einige ‘wohlerzogene junge Herren’ einluden . Annina war sehr unruhig an diesem Tag. Im Traum hatte sie Arti auf ihrer Feier gesehen, und auch wenn sie sich immer wieder sagte : ‚Das ist ganz unmöglich, es fehlen noch volle fünf Monate zu den drei Jahren.’, so schaute sie sich doch alle fremden Gäste sehr genau an.

Sie feierten in den Geburtstag hinein und die Mitternacht nahte. Dora, Anninas beste Freundin, fing schon an den Sekt einzuschenken, als Annina zwei Hände auf ihren Augen spürte und den dazugehörigen Menschenkörper dicht hinter sich. "Überraschung !" flüsterte eine Stimme und Annina merkte, wie ihr die Knie weich wurden. Aber was machte das, er hielt sie ja sicher in seinen Armen. Noch wagte sie nicht sich umzudrehen. "Bist du es wirklich ?" Ihre Stimme war nur ein Hauch, aber als seine Hand herunterglitt und die ihre fasste, sah sie den Ring und da gab es keinen Zweifel mehr.

Es schlug Mitternacht, die Geburtstagsgäste standen mit ihren Sektgläsern bereit, aber was kümmerte das Arti und Annina, die in der Wiedersehensfreude alles um sich herum vergaßen. Bald nach Anninas Abitur heirateten sie noch einmal nach Menschenart und lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Arti ist übrigens ein berühmter Arzt geworden und Annina eine große Schriftstellerin. Ein kleines bisschen Kobold blieb in der Familie, denn die Kinder hatten alle riesengroße Ohren - wo die aber herkamen, das wussten nur Arti und Annina.