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Das erbarmungswürdige Schicksal eines jungen Steinmetzen
Es war einmal ein Knäblein, das spielte tagein tagaus mit den Freunden, war froh und munter, und wuchs auch
ansonsten wohlbehütet auf. Wenn es zum Manne gereift, so hatten die Eltern beschlossen, sollte es zu einem
rechtschaffenden und wohlhabenden Steinmetz werden, eine Gutbürgerliche heiraten und gesunde Kinder bekommen.
Eines Tages schwänzte das Knäblein entgegen aller Gewohnheiten die Dorfschule und ging, getrieben von einer
unbekannten Macht, in den Wald. Als es in der dunkelsten Ecke des Waldes angelangt war, sah es dort ein Häuschen,
das mit allerlei Leckereien und Knuspersachen bestückt war. Vor dem Haus stand ein Mädchen mit einem Besen
zwischen den Beinen. Krampfhaft versuchte es, auf dem Holzstück wegzufliegen. Es gelang nicht, und das Mädchen,
das eine außergewöhnlich lange Nase hatte, fluchte und schimpfte, wie es das Knäblein noch nie gehört hatte.
Verängstigt wollte es sich davonschleichen, da erblickte es das offensichtlich weibliche Geschöpf, zeigte mit
knochigem Finger auf den Flüchtenden, und rief:
„Dich krieg ich auch noch. Wenn nicht jetzt, dann später.“
Die Jahre zogen ins Land. Aus dem Knäblein war ein Mann geworden, und es waren alle Wünsche in Erfüllung
gegangen, die sich die Eltern gewünscht hatten. Nur die liebende Ehefrau und ihn treu anblickende Kinder waren ihm
versagt geblieben. Liegt ein Fluch auf mir, fragte er sich manchmal, und erinnerte sich dunkel an eine Szene in einem
Wald, die ihm einen unbestimmten, garstigen Schauer auf den Rücken jagte. Doch er hielt sich nicht lange mit diesem
Schatten auf, stürzte sich in seine Arbeit - und nahm zusätzlich noch einen Nebenjob bei einer privaten Dorfschule als
Ausbilder an. Was sollte er auch Anderes tun? Die Götter hatten es gut mit ihm gemeint – nur Amor hatte ihn
vergessen. Hier eine Liebelei und dort eine kleine Affäre, die nicht entdeckt werden durfte – und doch hatte es ihm
stets Schmerzen zugefügt. Da wollte er doch lieber vom Weibsvolk die Finger lassen und sich der Arbeit widmen, die
ihm Wohlstand und Ansehen brachten.
Bereits am ersten Abend fiel ihm unter den Schülern eine junge Frau auf, die ihm nicht nur seltsam bekannt erschien.
Sie hatte eine lange Nase und dünne Oberarme – aber eine bemerkenswerte Energie. Sie hämmerte nicht nur auf den
Stein, den sie formen sollte, so lange ein, bis er zerkrümelt war, sondern zerschlug auch die Steine der Mitschüler zu
Staub, ehe sich diese es versehen hatten. Und nicht einmal vor seinem eigenen Stein machte sie halt. Mit einer ihm
unbekannten Besessenheit und irrem Blick suchte sie nach weiteren Steinen, und nur mit einem flinken Schwitzkasten
war sie davon abzuhalten, die Wände in Schutt und Asche zu zerlegen. „Ich mach Euch alle“ schrie sie, „Ich mach,
was ich will!“
Das wird noch ein Problem, dachte er sich, und trug sein Problem dem Direktor der Schule vor. Sie beschlossen, dass
er mit ihr reden und sie auf gebührliches Verhalten hinweisen solle. Wenn sie nicht einsichtig sei, solle sie von der
Schule verwiesen werden.
Was er nicht wusste: Sie hatte sich in ihn verliebt.
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