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ruhrkunst - Online Die virtuelle Galerie für Kunst und Künstler aus dem Ruhrgebiet |
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Wandern in Stahlhausen |
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Vom
Schrebergarten zur Pferdebahn: Wandern in Stahlhausen
Seit 13 Jahren bin ich
Wahlbochumerin. Das heißt, ich bin wirklich freiwillig hier. Darüber wundern
sich viele, zumal ich vorher in den schönen Großstädten Berlin und München
gelebt habe. Aber das Ruhrgebiet ist bei weitem besser als sein Ruf. Die Perlen
der Landschaft stehen nur in keinem Stadtführer – immer noch nicht, obwohl
die „Route Industriekultur“ allmählich dafür sorgt, die Schönheiten ins
Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen. Am besten sucht man aber immer noch auf
eigene Faust. Ich habe da in Stahlhausen, quasi vor meiner Haustür und in
direkter Nähe der Autobahnausfahrt, eine Menge Sehenswertes entdeckt. Mein
Standard-Spaziergang führt mich 8km weit durch Schrebergärten und altes
Bergbaugelände. Da steht dann schon mal ein Schild „Achtung
Einsturzgefahr“, so dass die Bergbau-Vergangenheit sozusagen auf Schritt und
Tritt lebendig ist.
Gerade die Schrebergärten
sind für mich ein typisches Stück Ruhrgebiet, die manch karge Region in bunte
Pflanzen- und Gemüseparadiese verwandeln.
Die Entwicklung der Kleingärten
entstand aus zwei Linien, einmal aus den sog. Armengärten Anfang des
19.Jahrhunderts und andererseits aus Turn- und Spielplätzen für Kinder.
Die ersten Armengärten
entstanden Anfang des 19.Jahrhunderts in Schleswig Holstein. Landgraf Carl von
Hessen gilt als Initiator der Gartenanlagen, die er als vernünftiges Mittel der
Armenunterstützung sah. Anfang des 20.Jahrhunderts entstanden solche Arbeitergärten
des Roten Kreuzes in Berlin. Dies waren Gründungen „von oben“. Auch
Fabrikbesitzer legten Gärten für ihre Arbeiter an, damit sie zufrieden waren
und ihre Arbeitssituation nicht kritisierten. Parallel dazu entstanden aber in
Berlin auch die Laubenkolonien „von unten“, aus der Arbeiterschaft selbst,
wobei da die preiswerte Nahrungsmittelversorgung im Vordergrund stand, teilweise
auch der Wohnraum für die Familien. In die Lauben wurde aber nicht viel
investiert, weil das Land als „Bauerwartungsland“ galt und später Mietshäuser
darauf entstehen sollten. Erst nach dem 1. Weltkrieg gab es dann eine
„Kleingarten- Kleinpachtlandordnung“, die Kolonien wurden zu Dauerkolonien
ausgewiesen.
Der Name Schrebergarten kommt
aber eigentlich von einer anderen Entwicklungslinie her: Dr. Schreber
(1808-1861) war Naturheilkundler und Arzt in Leipzig, dem die Gesundheit der
Kinder sehr am Herzen lag, die damals noch in den Fabriken arbeiten mussten.
Drei Jahre nach seinem Tod gründete sein Schwiegersohn Dr. Ernst Innocenz
Hauschild den ersten sog. Schreberplatz, der in erster Linie dem Spiel der
Kinder diente. Dann wurden Gärten angelegt, damit die Kinder sich mit der Natur
beschäftigen konnten. Aber wie das so ist, verloren die Kinder bald das
Interesse und die Erwachsenen übernahmen die Pflege. So entwickelte sich der
klassische Schrebergarten.
Mein Spaziergang von
Stahlhausen (Wattenscheiderstr) Richtung Höntrop und Südpark ist aber vor
allem spannend, weil es ein ehemaliger Bergbauweg ist, der heute teilweise vom
Heimat- und Bürgerverein Wattenscheid gepflegt und beschildert wird. Gleich zu
Anfang befindet sich eine Biotopkette zur Schonung des ökologischen Kreislaufs,
Renaturierung, Tränkung und Fütterung von Wildtieren. In der Morgendämmerung
begegnen einem hier Reh und Fuchs, Kaninchen gibt es überall zuhauf und auch
Singvögel oder Prachtlibellen lassen sich beobachten.
Der Weg führt dann am Eingang
zum Stollen Storksbank (1740-1835) vorbei. Hier wurde Kohle in 25m Tiefe
abgebaut, etwa 3784 Tonnen pro Jahr.
Kurz darauf finden sich die
Fundamente des frühmittelalterlichen Bauernhofs Ahkämper (1200-1940). Ah
bedeutet alt und Kamp heißt enges Tal. Hier rasteten u.a.
1200-1800 die sog. Meldereiter, ritten von Burg zu Burg. In der Zeit von
1500-1900 waren es dann die Pferdetreiber und Fuhrleute, die hier einkehrten und
von 1840 bis1940 die Bergleute und Eisenbahner. Der dort fließende Ahbach wurde
zur Ableitung der Grubenwässer aus den Stollen und Schächten benutzt.
Etwas neueren Datums ist das
Mahnmal gegen Krieg und Terror, das an dem Wanderweg aufgestellt wurde: Ende des
zweiten Weltkriegs wurden hier Zwangsarbeiter erschossen, die später von den Höntroper
und Eppendorfer Bürgern wieder ausgegraben und beerdigt werden mussten.
Jenseits der Gartenstr
erreicht man dann den Südpark, der seine begrünten Hügel auch dem Bergbau
verdankt: Beim Kohleabbau werden auch andere Steine
zur Seite geräumt und dadurch Halden aufgeschüttet. Die waren früher noch
nicht gut von der Kohle getrennt. Eine solche Halde ist die im Südpark, die
dann aber systematisch begrünt wurde und deshalb die Kohle auch später nicht
mehr abgebaut wurde, weil es dann schon Teil des Begrünungsplans war
Als sich die Kohlevorräte
im Storksbanker Stollen erschöpften, schlossen sich die Gewerkschaft Vereinigte
Engelsburg zusammen (1834), die dann gemeinsam die Kohlevorräte unterhalb der
Sohlen der alten Stollen im Tiefbau abbaute. Der Schacht wurde – damals noch
eine Seltenheit – mit Dampfmaschinen für die Förderung und Wasserhaltung
ausgestattet und erhielt daher den Namen Maschinenschacht. Diese Dampfmaschinen
waren die ersten, die im Wattenscheider Raum betrieben wurden.
Um 1835 baute man dann eine
fast 2km lange Pferdebahn zu der von Bochum nach Essen führenden Chaussee (etwa
heutige Straßeneinmündung Engelsburger Essener Straße). Dort befand sich eine
große Kohleniederlage. Von diesem Sammel- und Lagerplatz wurde die Kohle in
Pferdekarren oder in Körben und Säcken auf Pferderücken über Land gebracht.
Als man 1848 in unmittelbarer Nachbarschaft den tieferen Schacht Hektor in
Betrieb genommen hatte, wurde der Maschinenschacht still gelegt. Noch heute
stehen hier die zum Wohnhaus umgebauten langgestreckte Schachthaus, in denen die
Förder- und Wasserhaltungsmaschinen untergebracht waren. 1846 begann die
Gewerkschaft Vereinigte Engelsburg in der Nähe des Maschinenschachts den
tieferen Seigerschacht Hector abzuteufen.
Abteufen ist der bergmännische Ausdruck für das Herstellen senkrechter Hohlräume
zur Erschließung von Lagerstätten. Er war auch mit Dampfmaschinen zur Förderung
und Wasserhaltung ausgestattet. Wegen der großen Tiefe des Schachts und der
dadurch bedingten höheren Seilkräfte bei der Förderung musste man den Schacht
Hektor mit einem größeren und turmartig gemauerten Schachthaus ausstatten.
1847 übernahm der neue Schacht die gesamte Förderung der Zeche Vereinigte
Engelsburg auf zwei Tiefbausohlen (50 und 86m Tiefe) Abgebaut wurde Fettkohle.
1854 wurde der Schacht weitergeteuft bis auf 156m. Nun wurde auf vier Sohlen gefördert.
Der Schacht hatte immer mit starkem Wasserzufluss von Tage her zu kämpfen, so
dass wiederholt die Pumpenleistung erhöht werden musste 1865 betrug die größte
Fördermenge 63108 Tonnen (327 Mann). 1867 war ein wirtschaftlicher Betrieb
wegen der großen Wasserzuflüsse nicht mehr möglich, Schacht Hektor wurde
still gelegt.
Heute ist der ehemalige Weg
der Pferdebahn ein Saumbiotop, d.h. ein ökologischer Übergangsbereich zwischen
Feld und Weg. Solche Ränder sind sehr wichtig und es gibt eine große
Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen darin. Besonders schön sind natürlich
Hecken in denen Vögel nisten können, aber auch das trittfeste Gras beherbergt
einige Arten und je nachdem welche Pflanzen auf dem Saum wachsen verändern sich
z.B. auch die Blattlauspopulationen auf dem Feld. Es ist also auch für den
Landwirt von Interesse, diesen Saum zu pflegen.
So hat sich nun der ehemalige
Bergbauweg zu einem Fleckchen Erde mit einigen ökologischen Besonderheiten
entwickelt, einer Gegend für schöne Spaziergänge. Dort also wo der Bergmann
früher schwere Arbeit geleistet hat, ist heute ein Ort zur Entspannung
entstanden.
Autorin: Verena
Liebers, Bochum, Oktober 2003