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Marie Masbaum |
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Spinnereien
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Eine gute Freundin
hatte Urscha trotz allem, eine riesengroße Freundin, die in einem ähnlichen
Dilemma steckte. Jetzt schaut ihr verwundert, nicht wahr, aber nur, weil ihr
noch nicht wisst, dass Riselda eben keine Riesen-Klein-Spinne, sondern eine
Klein-Riesen-Spinne war. Sie hätte also klein auf die Welt kommen müssen, um
dann zu wachsen, ähnlich wie bei den Menschen; nicht genauso, denn solche
Extreme gibt es bei uns nicht. Oder habt ihr schon mal ein nussgroßes Baby
gesehen, das dann zu einem fünf Meter großen Hünen heranwächst ?
Aus dieser
Perspektive betrachtet – so ihr euch denn hineinfühlen könnt -- ist es schon
verständlich, dass die Klein-Riesen-Spinnen kaum Kontakte hatten – mit wem hätten
sie sich aus solcher Höhe herab denn auch unterhalten können ? Die
eigenen Winzlings-Kinder waren zum Glück mit ihren vielen kleinen Beinen so
flink und behände, dass sie in Windeseile den Vater- oder Mutterkörper hinauf-
und hinunterflitzten.
Riselda nun
wurde statt als wachsender Winzling als schrumpfender Riese geboren, was,
genauso wie bei Urscha, den Anlass für Spott und übelste Verleumdungen gab.
Die beiden Frauen hätten die Männer getauscht, munkelten böse Zungen, was im
Spinnenreich eines der schlimmsten Vergehen ausmacht. Natürlich versuchten die
beiden Mütter sich zu verteidigen, aber das blieb vergeblich, schließlich
sprachen die Tatsachen gegen sie : Zumindest von der äußeren Erscheinung her
war Urscha eine Klein-Riesen-Spinne und Riselda eine Riesen-Klein-Spinne.
Um die
Wachs-Schrumpf-Geschichten damit zum Ende zu bringen : Riselda schrumpfte
genauso wie Urscha wuchs, und so waren sie zu der Zeit, von der ich erzähle,
annähernd gleich groß. Urschas Mutter passte sich bald den Babys der
Klein-Riesen-Spinnen an : hatte sie Lust auf einen Plausch mit Riseldas Mutter,
so kletterte sie hinauf, und wenn sich alle viere unterhalten wollten, blieb sie
halt auf der Mitte. So wurden die vier ein eingeschworenes Team, was ihnen auf
der einen Seite gut tat, ihnen auf der anderen aber noch mehr Feinde machte. Die
wildesten Gerüchte gingen über sie in Umlauf, zuletzt sollten sie gar eine
Verschwörung planen.
Wie oft
hatten sie schon versucht, an Vernunft und Herz ihrer Mit-Spinnen zu appellieren
: unsere Kinder sind doch nicht schlechter, nur weil sie ein bisschen anders
aussehen ! – es nutzte nichts, all ihr Reden war und blieb sinnlos. Zuletzt
waren sie so verzweifelt, dass sie zur äußersten Möglichkeit griffen und die
Große Weisheitspinne aufsuchten -- nur in der allergrößten Not durfte eine
Spinne das wagen.
Mit einem
Wundermittel konnte – oder wollte – die Große Weisheitspinne aber nicht dienen : „Ich kann demjenigen, der bei mir Rat sucht, helfen sich
zu ändern“, sagte sie, „ was ich nicht vermag, ist, auf die Haltung eurer
Feinde Einfluss zu nehmen. Das könnt nur ihr selber tun und dazu braucht ihr
sehr sehr viel Mut und Überzeugungskraft. Die zu gewinnen, dabei will ich euch
helfen, und um bessere Voraussetzungen dafür zu schaffen, rate ich euch, für
eine Weile eure Heimat zu verlassen.“
Riseldas
Mutter seufzte :“Ja“, sagte sie, „daran hatten wir auch schon gedacht und
im Geheimen darauf gehofft, du könntest uns dieses äußerste Mittel ersparen.
Aber gut, mit der Aussicht darauf, irgendwann zurückzukehren, wird die Flucht
schon um Einiges leichter.“
Und schon in
der selben Nacht traten sie ihre Flucht an : Brachen auf mit dem Einbruch der
Dunkelheit – zum Glück legen sich im Spinnenreich alle Spinnen : Eltern wie
Kinder, Gauner wie Polizisten, Schlagerstars wie Großmütter gleichzeitig
schlafen, und so bemerkte sie niemand. Die ganze Nacht hindurch eilten sie fort,
bis sie über die Grenze des Spinnenreiches hinaus gelangt waren. In der
„normalen“ Menschenwelt, lebten sie, was die äußere Bedrohung angeht, weit
gefährlicher als im Spinnenreich, wo es ja nur Spinnen gibt und keine
Auffressfeinde wie bei uns. Und das war gut so, denn weil sie nun ständig auf
der Hut sein und sich immer neue Schutzmanöver ausdenken mussten, wurden sie
jeden Tag schlauer und gewitzter, im Team gar unschlagbar. Was natürlich auch
ihr Selbstbewusstsein stärkte. In einem Rundumschlag zusammengefasst : ihr
Leben wurde endlich wieder lebenswert.
Und doch –
ihr kennt das von der Goldmarie in der ‚Frau Holle’ --
begann sie nach einiger Zeit das Heimweh zu quälen : „Zumindest einen
Besuch wollen wir machen !“, diesen Wunsch hatten sie alle, und so gaben die Mütter
gerne dem Drängen ihrer Kinder nach.
Also traten
sie am nächsten Morgen die Rückreise an, die lange Reise zurück ins
Spinnenreich. Wie lang sie tatsächlich war, das hatten sie bei ihrer Eilflucht
gar nicht bemerkt, da waren sie nur weiter und immer weiter gelaufen. Trotzdem :
auch wenn sie langsamer gingen, hätten sie inzwischen ankommen müssen, und
allmählich begannen sie daran zu zweifeln, dass sie den Eingang zum
Spinnenreich je wiederfinden würden. Es war nämlich durchaus möglich, dass
sie schon dort vorbeigekommen waren, ohne ihn zu bemerken. „Wieso das ?“
fragt ihr mich jetzt nur, weil ich nicht wisst, dass der Eingang nur für
Spinnen sichtbar ist, alle Nicht-Spinnen werden unmerklich gedreht : ihr meint,
weiter geradeaus und vorwärts zu gehen, biegt aber stattdessen nach rechts oder
links ab oder kehrt gar um. Das klingt unheimlich, nicht wahr, aber man bemerkt
es ja zum Glück nicht.
Sogar
Spinnen können in dieser Weise zurückgewiesen werden, nämlich dann, wenn sie
sich – so steht es im Spinnengesetz – ‚kapitaler Verbrechen, des Mordes
etwa oder des Hochverrats, schuldig gemacht’ haben.
Hatten sie
das ? Gemordet hatten sie in gewisser Weise schon, denn in ihrer neuen Heimat
waren sie zu Fleischfressern geworden, hatten das Spinnennetz erfunden und darin
eine Vielzahl von Insekten gefangen und verspeist.
„Bei den
Menschen heißt es nur dann Mord, wenn sie einen von ihresgleichen umbringen“,
überlegte Urlas Mutter, andere Tiere dagegen dürfen sie aufessen. Von daher
......“
„....dürfen
wir nur keine Spinnen töten“, unterbrach Riselda, „das ist sowieso klar,
weil es ja im Spinnenreich gar keine anderen Tiere gibt.“
„Gut, und
was ist dieses andere Ding, der ‚Hochverrat’?“ wollte Urla wissen. Sie war
in der Menschenwelt nicht weiter gewachsen und Riselda nicht weiter geschrumpft,
und darüber waren ihre Mütter sehr froh. Jetzt aber seufzten sie
:“Hochverrat ist einer von den ganz besonders dehnbaren Begriffen“, erklärten
sie. „Jeder Herrscher versteht darunter das, was ihm nicht passt und belegt es
mit hohen Strafen.“ Und Riselda ergänzte :“Ein ‚Verbrechen, das die
Sicherheit eines Staates gefährdet.’ Ich habe gestern im Lexikon
nachgeschlagen. Das sagt wirklich alles und nichts. Wenn sie unbedingt wollen, können
sie uns natürlich unter diese Paragraphen einordnen.“ „Und deswegen können wir im Moment nichts anderes tun, als
weiterzugehen und abzuwarten.“ Ein leises Drängen schwang mit in der Stimme
von Urlas Mutter. „Kommt bitte weiter, es wird bald dunkel. Vielleicht täuscht
mich meine Wahrnehmung, aber ich meine zu spüren, dass wir bald am Ziel
sind.“
Ihre
Wahrnehmung täuschte sie nicht, denn wenig später tauchte die nur für Spinnen
sichtbare Grenze vor ihnen auf, und dass sie sie gesehen hatten, hieß
gleichzeitig, dass sie eintreten durften. Sie waren im Spinnenreich, sie waren
wieder zu Hause !
Zu Hause ? Fühlte
man sich so beklommen, wenn man ‚nach Hause’ kam ? Immerhin war es völlig
ungewiss, ob ihre Mit-Spinnen sie aufnehmen würden.
„Wir
sollten uns auf jeden Fall auf eine rasche Flucht einstellen“, warnte Riseldas
Mutter. „Wenn die nötig werden sollte, klettert Urscha auf deinen Rücken,
Riselda, und ihre Mutter auf meinen. Den Sturmschritt haben wir ja lange geübt.“
Gut, Zeit
zum Verschnaufen fanden sie auf jeden Fall, denn sie betraten die Spinnenheimat
in der ersten Nachthälfte. In der alle anderen Spinnen fest schliefen. Nein,
eine nicht, und die stand plötzlich hinter ihnen : „Große Weisheitsspinne,
wie schön !“ begrüßte sie Riselda, die sie als erste bemerkt hatte, und die
anderen stimmten freudig ein.
„Ihr seid
also hergekommen“, stellte die Große Weisheitsspinne fest. „Das ist sehr
mutig von euch.“ Ihre Worte klangen nicht gerade verheißungsvoll.
„Hier sind
schlimme Dinge geschehen“, fuhr sie fort, „ und wenn ihr lieber gleich
umkehrt, so kann ich das gut verstehen. Andererseits seid ihr die Einzigen, die
eure Mitspinnen noch retten können.“
„Schön
und gut – oder schlecht“, Riselda hatte sich als Erste wieder gefasst,
„dazu musst du uns aber erst sagen, was hier passiert ist.“
„Ja, natürlich“,
entschuldigte sich die Große Weisheitsspinne. „Wisst ihr, es quält mich so
sehr, dass ich nicht eingreifen kann, denn es bittet mich ja niemand um Hilfe.
Aber jetzt will ich erst mal erzählen : Also, genau so, wie es immer wieder in
den Menschenreichen passiert, gut möglich, dass er Kontakte dahin pflegt, hat
sich ein Spinnerich hier zum Tyrannen erhoben. Unser Königspaar hat er nicht
nur abgesetzt, sondern gleich umgebracht, und das selbe macht er mit allen
Spinnen, die ihm widersprechen. Seitdem dürfen alle nur noch das tun, was er
anordnet/befiehlt, und wer es wagt, eine eigene Meinung zu haben, der tut gut
daran, sie für sich zu behalten, denn ansonsten wäre sie sein Todesurteil.“
Die vier
Freundinnen waren starr vor Schrecken.
„Das alles
ist schlimm genug,“ fuhr die Große Weisheitsspinne fort, „und man sollte
meinen, nicht wahr, dass die unterdrückten Spinnen alles daran setzten, ihre
Freiheit wieder zu erlangen. Aber ganz im Gegenteil, und das ist das noch
Schlimmere, haben sie sich so schnell daran gewöhnt, dass sie es inzwischen
ganz normal finden, wenn nicht gar ganz toll, nicht mehr selber zu denken.“
„Das ist
ja entsetzlich !“ Urlas Mutter klang sehr verzagt. „Kommt man denn da überhaupt
noch an sie heran ?“
„Das kann
ich nicht mit Bestimmtheit sagen“, zögerte die Große Weisheitsspinne. „Auf
jeden Fall lässt jeder Aufschub die Aussichten schrumpfen. Und trotzdem müsstet
ihr ganz behutsam vorgehen : verschüttete Gehirne kann man nicht herausreißen,
sondern nur vorsichtig ausgraben.“
„Noch dazu
darf ja der Tyrann nichts merken“, ergänzte Riselda. „Denn ganz ehrlich :
mich als Märtyrer aufopfern möchte ich nicht.“
Nein, Helden
waren sie alle nicht, unsere vier groß-kleinen Spinnen, dafür aber tapfer und
mutig. Die Große Weisheitsspinne war inzwischen verschwunden, und das hieß:
sie hatte ihnen die Aufgabe übergeben. In dieser Nacht schliefen sie keine
einzige Stunde, keine einzige Minute, stattdessen hockten sie zusammen und
erstellten einen Plan. Und dann machten sie sich in wochen-langer verdeckter
Arbeit und mit großem Feingefühl daran, ihren Mitspinnen die Augen zu öffnen,
bis sie alle zusammen endlich den Aufstand wagten und den Tyrannen aus dem
Spinnenreiche verjagten. Für immer, da könnt ihr sicher sein, denn so einen
Hochverräter ließ die unsichtbare Grenze nie wieder hinein.
Weil Riselda
sich vor allen als die Tapferste ausgewiesen hatte, wurde sie einstimmig zur Königin
gewählt. Zuerst wollte sie ablehnen, bis sie dann merkte, dass sie mit ihrem
Demokratie-Verständnis um Jahrhunderte zu früh dran war : zum Märchen gehören
schließlich ein König oder eine Königin, am besten beide, deswegen suchte
sich Riselda auch bald einen schönen Spinnerich zum Manne aus.
Bevor sie
aber die Krone aufsetzte, gab sie sich mit ihrer Familie zu erkennen : „Wir
sind die“, sagte sie, „die ihr damals gehänselt, verachtet und ausgestoßen
habt, weil wir nicht eurer Norm entsprachen.“ Da gab es ein großes
Entschuldigungs-, Krönungs-, Hochzeits- und Jubelfest, und dass unter Riseldas
Regierung niemand mehr ausgestoßen wurde, brauche ich wohl nicht extra zu
betonen.