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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

Die Suche oder: Ein Herzenswunsch (Teil 3 und Ende)

Am nächsten Morgen, während Nicola in der Schule war, überlegte sie bei deren Lieblingsfach weiter nachzuhaken. Der Zeitpunkt war günstig, denn an diesem Tag hatte Nicola Biologieunterricht. Als dann die beiden Freundinnen am Nachmittag vor und auf dem Schreibtisch saßen, fragte Cerlina : "Musst du für Biologie auch Hausaufgaben machen ?"

"Mmhh", Nicola hatte das Englischbuch aufgestellt und kramte gerade ihr Vokabelheft aus der Tasche, "aber die mach’ ich als Letztes." Sie lächelte Cerlina zu. "Weil ich mir immer das Schönste für zum Schluss aufspare, verstehst du."

Aha ! Cerlina freute sich. Anscheinend war sie auf der richtigen Spur. Sie ließ nun ihre Freundin lieber in Ruhe, damit die rasch zu ihrem Lieblingsthema übergehen konnte. Das ja auch für sie sehr wichtig war. So schnell, wie sie gehofft hatte, ging das allerdings nicht, denn Nicola hatte viele Hausaufgaben zu machen an diesem Tag. Endlich aber zog sie ihr Biologieheft aus der Tasche und überflog, was sie sich am Morgen aufgeschrieben hatte.

"Was müsst ihr denn machen ?" fragte Cerlina. Nicola schlug das Biologiebuch auf. "Hier, guck mal :" sie deutete mit dem Finger auf zwei Abbildungen. "das ist ein grüner Grasfrosch und dies eine Gelbbauch-Unke. Unser Lehrer hat gesagt, wenn wir morgens ganz früh zu dem Teich auf der großen Wiese gehen, dann können wie sie rufen hören, denn die Männchen sind gerade auf der Balz - das ist die Brautschau." Nicola kicherte. "Guten Tag, werte Froschdame, möchten Sie mich, Frosch Eduardo, zum Manne nehmen ?" Mit großen Gesten trug sie diese Werbung vor und brauchte danach ein Weilchen, bis sie sich von ihrem Lachanfall erholt hatte.

"Ich geh’ da auf jeden Fall morgen früh hin !" verkündete sie dann. "Und ich bin gespannt, ob noch jemand da sein wird. Hoffentlich nicht so viele, denn man muss ganz leise sein, sonst hüpfen die Frösche sofort weg." Und schon wieder kicherte sie, stellte sich wohl gerade vor, wie die Frösche in wildem Aufruhr in alle Richtungen davonsprangen.

"Da könnte ein Hund bestimmt helfen." Nun wurde Nicola ernst und Cerlina war völlig verwirrt. Wie kam Nicola denn jetzt auf einen Hund ? "Natürlich kein Kläffer, sondern einer, der auch still sein kann." "Aha." Cerlina wusste nicht mehr weiter, sie wollte dann auch gleich auf ihren Regalplatz hinauf und kam am nächsten Morgen nicht mit zu den Frösche-Rendezvous am See. Was Nicola ihr sehr übel nahm. Nach dem Mittagessen setzte sie sich sofort mit ihren Hausaufgaben an Julias Schreibtisch, ohne Cerlina aus ihrem Versteck zu holen. Die wartete lieber ab : nicht dass sie etwas Falsches sagte und es damit vollends mit Nicola verdarb. So hätten sie es wohl noch ein Weilchen weiter treiben können, zum Glück hielt Nicola bald die Anspannung nicht länger aus , kam mit ihrer Schultasche ins Zimmer und rief :

"Heh, du komisches Wesen, bist du tot oder bist du stumm geworden ?" Was Cerlina wütend machte, aber sie wollte keinen Streit heraufbeschwören, deswegen nahm sie sich zusammen, kletterte rasch auf das Durchgangsbuch und erklärte (so gelassen sie es vermochte) :

"Das Kompliment darf ich zurückgeben, junges Fräulein. Du hast mich den ganzen Tag Buchseiten zählen lassen und das gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen."

"Okay", lenkte Nicola ein, "ich war sauer, weil du nicht mitgekommen bist heute Morgen. Jetzt sag mir bitte endlich warum !"

"Ich hab’ Angst gehabt vor den vielen anderen Kindern, die dort auftauchen würden", bekannte Cerlina, "außerdem wolltest du ja gleich hinterher zur Schule gehen, und die Aussicht, den ganzen Morgen in deiner Schultasche zu verbringen, war nicht gerade verlockend."

"Stimmt", gab Nicola zu, "da hab’ ich nur an mich gedacht. Tut mir leid. Verzeihst du mir ?"

"Sicher." Sehr erleichtert atmete Cerlina auf und sie nutzte gleich die Gelegenheit, ein bisschen weiter nachzuforschen. "Hast du viele Frösche gehört heute Morgen ?" fragte sie, "vielleicht gar welche gesehen ?"

"Von wegen !" Allein der Gedanke daran ließ Nicola die Fäuste ballen. "Nur drei kleine Jungs waren da und die haben so herumgealbert, dass die Frösche sich überhaupt nicht rausgetraut haben. Boh, war ich sauer, ich hätte am liebsten.....- diese verdammten Idioten!"

Cerlina hörte ihr aufmerksam zu. Ganz offensichtlich standen bei Nicola Frösche höher im Kurs als junge Männer - da hatte ihr die Mutter ganz andere Dinge erzählt. Aber warum sollte es keine Menschen geben, die Frösche liebten ? Vorsichtig hakte sie nach : "Was magst du denn an Fröschen so besonders gern ?"

Und wieder war sie auf dem falschen Dampfer. "Besonders gern, wie kommst du denn darauf?" fragte Nicola erstaunt. "Ich mag sie so, wie ich alle Tiere mag. Frösche nehmen wir halt gerade im Unterricht durch."

"Ach so." Cerlina vermochte ihre Enttäuschung nicht zu unterdrücken. Da hatte sie sich schon so nahe am Ziel geglaubt, auf einer ganz heißen Spur - und nun war doch alles .......Halt, Cerlina halt ! Lass dich nicht irreführen, bleib dran !

Die Sterne standen günstig, denn wenn Nicola bei ihrem Lieblingsthema angelangt war, bekam man sie für gewöhnlich nicht so schnell davon weg. Und das war ihr Glück, Cerlinas meine ich, denn die, überzeugt davon, auf der falschen Fährte zu sein, versuchte eben dieses.

‘Sie mag also Tiere gern’, überlegte Cerlina bei sich, ‘nun, das tun fast alle Menschen. Vielleicht nicht alle gleich gern, gut. Aber das ist trotzdem nichts Besonderes.’ "Gibt es denn etwas anderes", wandte sie sich nun wieder Nicola zu, "was du so richtig, so durch und durch, so absolut gerne magst oder tust ? Oder tun würdest", setzte sie hinzu, denn, nicht zu vergessen, es ging ja schließlich um einen Wunsch.

Nicola dachte nach : "Mama und Papa hab’ ich sehr lieb", sagte sie dann, "Julia nicht immer, dazu nervt sie einfach zu sehr. Und wenn ich mit etwas wünschen dürfte - es blitzte auf in ihren Augen - ja, komm, Cerlina, spielen wir mal Märchen ! Ich brauche gar keine drei Wünsche, mir reicht schon ein einziger -- wenn der nur erfüllt würde ! Nicola seufzte. "Zu schade, dass es so etwas nicht im wirklichen Leben gibt - das Wunscherfüllen meine ich -- dabei ist mein Wunsch sogar sehr wirklich und gar nicht so großartig - was ich mir wünsche, weißt du, das kriegen andere mal eben so zum Geburtstag geschenkt, nur ich nicht, und nur weil dieser blöde Vermieter es verboten hat. "Das Halten von Haustieren ist streng untersagt!", so steht es im Mietvertrag. Dick unterstrichen, Mama und Papa haben es mir gezeigt. Machmal macht mich das so furchtbar wütend, dass ich ihn am liebsten anschreien würde oder ihm die Reifen zerstechen oder so was. Aber das darf ich nicht machen, sagt Papa, sonst wirft er uns vielleicht aus der Wohnung." Unendlich traurig klang Nicolas Stimme, von ihrer Wut war gar nichts mehr zu spüren. "Weißt du, wie gerne ich einen Hund hätte, am liebsten einen Schäferhund und am allerliebsten einen, der noch ganz jung, der gerade geboren ist. Aber jeden anderen würde ich genauso lieb haben." Cerlina wurde es warm, so warm, dass sie wusste : Nicola hatte ihren Herzenswunsch ausgesprochen. "Und wenn ich mit der Schule fertig bin, will ich bei Greenpeace mitarbeiten, die sorgen nämlich dafür, dass keine Tiere mehr aussterben."

"Das ist bestimmt ein schöner Beruf !" sagte Cerlina leise. Sie überlegte, wie sie vorgehen könnte, denn, so wie die Dinge standen, war der Wunsch ja nicht leicht zu erfüllen. "Weißt du, warum euer Vermieter keine Tiere erlaubt ?" fragte sie.

"Keine Ahnung !" Jetzt schimpfte Nicola wieder. "Ich glaube, eine richtigen Grund hat der gar nicht. ‘Bei meinem Vater war das auch schon so.’ sagt er nur immer."

Cerlina zögerte : "Und was ist er sonst für ein Mensch ? Hast du schon mal mit ihm gesprochen ?"

"Mmhh." Nicola steckte gerade ein Karamellbonbon in den Mund. "Hab’ ich, ja. Ist noch gar nicht so lange her. Ich war nämlich auf dem Geburtstag von Ulla und er ist ihr Vater."

"Nun, und ...", drängte Cerlina, "erzähl !"

Nicola zögerte. "Ach, er war eigentlich ganz nett, das ist ja das Schlimme. Ich meine, weil ich ihn ja nicht mag, oder nicht mögen sollte oder so. Ach, ist das verkorkst." Das fand Cerlina allerdings auch. "Als wir da waren, hab’ ich echt nicht mehr daran gedacht, dass er dieser blöde Vermieter ist."

"Tiere hat er dann sicher keine ?" forschte Cerlina weiter.

"Doch, aber ‘im Rahmen des Mietvertrages’, ich glaube, so hat Papa das mal genannt. Letztes Jahr zum Geburtstag hat Ulla zwei Wellensittiche bekommen. Zumindest zwei, das ist schon viel wert. Aber die dürfen nicht frei fliegen, und das ist doch grausam für Vögel. Und ein Aquarium haben sie, mit edlen Zierfischen drin. Die blöde glotzen und vor die Wände stoßen." Nicola lachte bitter. Inzwischen hatte sie sich richtig in Emphase geredet. "Genau so steht das im Mietvertrag", erklärte sie : "Gestattet sind Fische im Aquarium und Vögel im Käfig.’ Tolle Alternativen, nicht wahr ? Entweder keine Tiere halten oder Tiere quälen."

Nun kämpfte Nicola mit den Tränen. Eine Weile blieb es still. Dann sagte Cerlina :

"Du müsstest ihn überzeugen."

"Was ?!" Im ersten Augenblick erschien Nicola ein solcher Vorschlag absurd, fernab von jeder möglichen Wirklichkeit, im nächsten schon wurde sie ergriffen von der wunderbaren Kraft, die Cerlina ihr verlieh. Werle können weder Kaninchen aus dem Hut zaubern, noch jemanden an einen anderen Ort wünschen, nein, was sie vermögen, ist ganz anderer Art. Sie können einen Herzenswunsch so groß werden lassen, dass der Wünschende die nötige Kraft entwickelt, sein Ziel zu erreichen.

Und eben das geschah gerade mit Nicola.

"Wie spät haben wir ?" Sie schaute auf den Radiowecker, der neben ihrem Bett stand. "Viertel nach sechs Uhr, na bestens, dann laufe ich gleich mal rüber."

Lange blieb sie, sehr lange, kehrte dann nachdenklich zurück und gleichzeitig strahlend. "War alles andere als einfach", erklärte sie. "Zuerst hat er mich gar nicht reinlassen wollen, dann hat er mich angeschrieen und schließlich hat er mir erzählt, dass er immer einen Hund haben wollte, aber früher hat sein Vater es verboten und jetzt ist seine Frau allergisch. Aber die Klausel im Mietvertrag schreibt er um. Man darf jetzt Haustiere halten, soweit sie die anderen Hausbewohner nicht stören. Ich soll mir also keinen Hund holen, der allzu viel bellt." Nicola fing plötzlich an zu kichern. "Oh, Cerlina", gluckste sie, "entschuldige, aber ich freu mich so. Das ist alles so verrückt. Zu dumm, dass ich warten muss, bis Papa am Freitag nach Hause kommt. Auf jeden Fall gehe ich morgen schon mal ins Tierheim gucken."

Sie hörten Schritte auf der Treppe, und da die Zeit fehlte, Cerlina oben ins Regal zu setzen, ließ Nicola sie rasch in ihrem Etui verschwinden. Gerade rechtzeitig, denn im nächsten Augenblick stand auch schon die Mutter in der Tür. Und die war nicht gerade freundlich gesonnen :

"Was sind denn das für neue Moden ?!" schimpfte sie. "Seit wann stürzt du einfach aus dem Haus, ohne Bescheid zu geben ? Und bleibst dann stundenlang weg. Schließlich haben wir ..."

"Ja, Mama, ich weiß", unterbrach sie Nicola, "aber das war hypersuperwichtig !" So überzeugend kam das, dass die Mutter gebannt horchte. "Ich hätte dir auch gleich alles erzählt, nur musste ich zuerst ...." Auweia, da hätte sie sich beinahe verplappert, hoffentlich war das der Mutter nicht aufgefallen. Sie rettete sich in ihre Aufgeregtheit und redete rasch weiter : "Rate mal, wo ich gewesen bin, Mama ! Aber das kannst du gar nicht raten, das rätst du nie ! Bei Herrn Lindner. Und er erlaubt, dass ich einen Hund kriege. Müssen wir warten, bis Papa nach Hause kommt, das ist noch so furchtbar lange hin, oder können wir gleich morgen einen für mich kaufen ?"

Die Mutter sah Nicola argwöhnisch an : "Hör mal, Nicola, bist du krank ? Was erzählst du denn da ? Wieso sollte Herr Lindner dir plötzlich erlauben, einen Hund zu halten, wo er es bis jetzt immer strengstens verboten hat ?"

"Es stimmt aber, Mama."

Die Mutter schüttelte den Kopf. "Das glaube ich erst, wenn ich es schwarz auf weiß lese."

Nicola sah sie an. "Gut", sagte sie, war im nächsten Augenblick schon wieder unterwegs und eine Viertelstunde später zurück mit einem weißen Blatt, auf dem der Vermieter mitteilte, Haustiere zu halten sei ab sofort jedem Mieter gestattet, soweit er sich mit seinen Nachbarn arrangiere. Auf Nicolas Bitte hin hatte er das mit einem schwarzen Kuli aufgeschrieben, also sprichwörtlich schwarz auf weiß, ganz wie die Mutter es gewünscht hatte.

Die Mutter traute ihren Augen nicht. "Ja, aber ..." setzte sie an, doch Nicola schnitt ihr sogleich das Wort ab : "Kein Aber, Mama ! Ich hab’ schon eben zu - Auweia! -- zu Ulla gesagt, dass ich mir morgen die Hunde im Tierheim anschaue, das fände ich toll, wenn ich so auch gleich einem helfen könnte. Und wenn Papa am Freitag kommt, wäre es schön, wenn...."

"Langsam, Nicola, langsam !" schaltete sich die Mutter ein. "So ein Hund ist schließlich mehr als ein Schmusetier, der ist Hausbewohner und Familienmitglied, also sollten wir ihn alle zusammen aussuchen. Und jetzt komm erst mal mit runter, wir können beim Abendbrot weiter darüber reden."

Eben das taten sie und genau darin liegt jetzt der Wehmutstropfen, mit dem meine Geschichte endet. Darin, das Werlen, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt haben, nur noch eine kurze Lebenszeit zur Verfügung steht - es ist einfach schade, dass Nicola davon nichts wusste, dass ihre Mutter zu früh kam, sonst hätte Cerlina ihr das bestimmt noch mitgeteilt. Ihr könnt euch vorstellen, dass Mutter und Tochter an diesem Abend viel zu bereden hatten, und als Nicola dann endlich wieder heraufkam und Cerlina noch Gute Nacht wünschen wollte, da fand sie ihre Freundin nicht mehr, die hatte sich nämlich ins Nichts aufgelöst. Werle, müsst ihr nämlich wissen, zerfallen, sobald sie ihre Aufgabe erfüllt haben. Eine ganz kurze Frist bleibt ihnen um Abschied zu nehmen von ihrem Menschen, und in der war nun unglücklicherweise die Mutter hereingekommen.

Nicola wurde trotzdem sehr glücklich mit ihrem Hund. Auch wenn sie niemals erfuhr, dass es Cerlina war, die ihren Herzenswunsch erfüllt hatte, so spürte sie doch, dass dieses kleine Wesen etwas ganz Besonderes war.